Gute Anwendung, schlechte Anwendung

Gute Anwendung, schlechte Anwendung

Eines meiner Steckenpferde ist das Softwareanforderungsmanagement. Anforderungen besprechen und Features hinterfragen um ggf. Lücken zu erkennen, sich in den User hineinzuversetzen, diese an den Entwickler kommunizieren und hinter beim Test unterstützen.

Und beim Testen oder Nutzen von Anwendungen habe ich so einige Erfahrungen gemacht, die mich den Kopf schütteln lassen. Das Thema wurde bei mir gerade wieder ins Bewusstsein geholt durch ein paar merkwürdige Webanwendungen und meine Weiterbildung zum Certified Scrum Product Owner.
Häufige Fehler:
Es fehlen Standardfunktionen (wie z.B. Löschen von Einträgen), es wird nicht mitgedacht und sich nicht in den Nutzer hinein versetzt, es werden unnötige Restriktionen eingebaut oder der Entwickler, der an anderer Stelle „geheime Features oder Verhaltensweisen der Anwendung“ eingebaut hat (also welche die nicht angefordert waren und ein guter Tester dann eher durch Zufall findet, sagt dann mit einem süffisanten Lächeln „Das stand so nicht im Konzept“.

Ein paar Beispiele:

Ein Bewerberportal

Bei den meisten größeren Firmen laufen Bewerbungen mitterweile über ihr eigenes Portal. D.h. man registriert sich erstmal und findet dann für die einzelne Bewerbung ein Formular in dem man ein paar Angaben machen kann und seine Anhänge hoch laden kann.
Bei der einen Firma war ich etwas entgeistert über gleich drei Funktionen.
1. Das Kennwort
Bei der Registrierung konnte ich mir in einem einzigen Feld ein Kennwort hinterlegen. Geht, aber natürlich sind zwei Felder besser inkl. Abgleich, ob man es auch zweimal identisch eingegeben hat.
Also, registriert, schickes Kennwort hinterlegt und weiter im Text. Und was passiert dann?

Ich kriege nachfolgende Mail:

Gute Anwendung, schlechte Anwendung

Wie jetzt? Die schicken mir mein gerade gewähltes Kennwort schön unverschlüsselt im Klartext als Mail zu? Schönen Dank auch. Zum einen habe ich noch kein Alzheimer und nun kennt es die halbe Hackerwelt.

Ich hab mir dann dennoch kein neues angelegt, denn vermutlich schicken die mir das Kennwort dann wieder per Mail zu. Das nennt man dann Sysiphus-Arbeit.


2. Pflichtfeld Schulzeugnisse

Es gab dann ein Feld für Arbeitszeugnisse (hab ich) und Schulzeugnisse. In der Regel will bei mir nach 27-jähriger Berufstätigkeit niemand mehr mein Abitur- oder Ausbildungszeugnis haben. Hier war es aber ein Pflichtfeld.

Also hab ich halt eine Word-Datei namens „Kein Schulzeugnis“ erstellt und dort meinen Kommentar hinterlegt und den Anhang hoch geladen.

3. Session Time-Out

Schön alle Felder ausgefüllt, Unterlagen hoch geladen und nebenbei noch das Anschreiben geschrieben.

Da ich das mit dem Session Time-Out schon ahnte, hab ich ab und zu von einem Feld ins andere geklickt, während ich an dem Anschreiben feilte. Und so Anschreiben sollen ja immer kreativ sein und sich auf die Firma und die ausgeschriebene Stelle beziehen. Also dauert das auch mindestens eine halbe Stunde bei mir.

Anlage hoch geladen, will abschicken -> Fehlermeldung, die Seite ist abgelaufen. Schönen Dank auch. Natürlich waren all meine Angaben zu der Bewerbung weg. Also nochmal von vorne.

Ein Online-Campus

Ein Online-Campus von einem Fernlehrgangsanbieter verspricht in der Werbung, dass man sich darüber mit Gleichgesinnten austauschen kann.
Was finde ich vor? Das Alphabet. Und die Buchstaben, hinter denen sich Profil, ist andersfarbig. Toll. Klicke ich auf den Buchstaben, sehe ich einen Namen und den Hinweis, dass es noch keine Einträge in seinem Gästebuch gibt. Mehr sehe ich nicht.
Ich habe keine Möglichkeit, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, denn eine Schalftläche, die so eine Funktion verspricht, gibt es nicht. Es gibt auch kein Forum, wo andere schon bestimmte Themen diskutiert haben. Also kann ich diese „Austauschmöglichkeit“ nicht nutzen.
In dem Fall hab ich sogar den Anbieter angemailt und gefragt, wie das mit dem Austausch gehen soll. Aber die Antwort darauf war irgendwie unbrauchbar.
Naja,  da  das Kursmaterial auch unterirdisch war und sich die Dozentin sogar entschuldigt hat, dass eine Frage aus den Übungsaufgaben gar nicht zu dem Kapitel gehörte, hab ich den Kurs dann storniert.

Ein Online-Shop ohne SSL-Verschlüsselung der Registrierung

Hier braucht es eigentlich außer der Überschrift keine weitere Erklärung. Geht gar nicht, oder? Ich tipp doch nicht unverschlüsselt meine Daten – und dann noch Kontodaten ins Netz. Dabei gibt es von Google doch mittlerweile kostenlose SSL-Zertifikate.

Also durchgefallen, obwohl der Shop sehr interessante Produkte hat.

Ein Bewerberportal zum Gruseln

Ein ganz gruseliges Bewerberportal habe ich bei einer Stadt gefunden. Das wäre vermutlich das erste, was ich hätte ändern wollen, wenn ich den Job gekriegt hätte. Aber da ich (und sicherlich auch andere) einen Schluss ziehen von der Webseite auf die Firma (Wie tickt die?  Wie modern sind die? Wie gut ist die Qualität?), hab ich dann nicht nochmal eine Stunde für die Bewerbung investiert.

Das Bewerberportal besteht locker aus 10 Reitern. Zwischenspeichern nicht möglich. Und alle Angaben, die schon im Lebenslauf stehen, müssen da einzeln rein, Schule, Ausbildung, Arbeitgeber, Zertifizierungen. Naja und bei meinen 27 Jahren kommt da einiges zusammen.  Das krasse aber, beim Datum muss man ein vollständiges Datum mit TAG eingeben. Mein Lebenslauf enthält aber nur Monat und Jahr wie das so üblich ist.

Also hab ich aus den ganzen Unterlagen fein säuberlich auch noch den Tag raus gekramt  und mich aber während der ganzen Zeit geärgert, dass ich das alles eintippen muss. So ne Bewerbung dauert mit Recherche, Anschreiben und Lebenslauf checken schon lang genug und dann noch so was.

Dummerweise bin ich kurz vor Ende – so nach einer Stunde – irgendwie auf ne falsche Taste gekommen und alles war weg. Naja, wenn da nochmal ne interessante Stelle frei ist, soll sich doch jemand anderes drauf bewerben. Viel Spaß mit dem Bewerberportal.

Fazit:

Da lobe ich mir dann doch das Konzept, der agilen Softwareentwicklung nach Scrum, bei der der Kunde mit seinen Anforderungen und der User im Vordergrund steht. Dort werden User-Stories für Personas (fiktive Personen, die die Software nutzen) erstellt, kleinere Einheiten (Inkremente) an den Kunden ausgeliefert, so dass er schnell sehen kann, wenn ihm etwas fehlt oder er neue Ideen bekommt.

Wichtig sind dabei natürlich auch engagierte Leute, die sich gut in den Kunden und Anwender hinein versetzen können und mitdenken und eigene Ideen einbringen.
Hier ein nett gemachtes Video, welches traditionelle Softwareentwicklung und Scrum mit Einbindung des Anforderers gegenüberstellt.

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