Wann kommt das Aus für das kostenlose Girokonto?

Geld auf einer Wäscheleine

Das Aus für das kostenlose Girokonto bei den stationären Kreditinstituten scheint eingeläutet. Zumindest gibt es immer mehr Berichte dazu und einige Banken oder Sparkassen haben dies schon umgesetzt. Gern zitiert wird hier auch Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.

So kann dann ein Privatgirokonto – je nach Modell – schonmal bis zu 120 Euro im Jahr. Und das wird sicherlich einige ärgern und über einen Wechsel nachdenken lassen.

Die aktuelle Situation der Kreditinstitute

Es gibt viele verschiedene Gründe dafür, dass die meisten Kreditinstitute insbesondere in 2016 ordentlich zu kämpfen haben werden.  Hier ein paar Ideen dazu:

Leere Filialen

Mit leeren Filialen kann keine Bank Geld verdienen. Die Filialen mit ihrer ganzen Technik und den Beratern rentieren sich dann nicht mehr. Und auch Sparkassen- und Genossenschaftsbanken müssen wirtschaftlich – wenn auch nicht gewinnmaximierend – denken und handeln.

  • Immer mehr Kunden informieren sich selber im Netz anstatt sich von ihrem Berater beraten zu lassen. Viele Menschen machen Online-Banking und erscheinen kaum noch in der Filiale. Online-Banking-Konten sind oft kostenlos, verursachen den Banken aber entsprechende Kosten – insbesondere wo die Anzahl der Transaktionen im Vergleich zu früher stark gestiegen ist.
  • Im Vergleich zu vor zwanzig oder dreißig Jahren sind oft beide Partner berufstätig und viele haben erst Feierabend, wenn die Bankfilialen schon geschlossen sind.
  • Viele stationäre Banken halten noch ein großes Filialnetz bereit, mit Personal und Technik und das alles kostet nicht gerade wenig.
  • Auch die Zentralisierung in den Banken und die Umstellung auf Call-Center bei denen man landet, wenn man seinen Berater mal telefonisch erreichen möchte, hat vermutlich dazu beigetragen, dass die Kunden weniger in die Filialen gehen. Und wenn ich eh schon mit einer unbekannten Person und nicht dem Berater meines Vertrauens spreche, dann ist es schon fast egal, ob ich bei einer stationären oder einer reinen Online-Bank mit einem Standort in Deutschland bin.

    Aus Sicht der Banken ist diese Zentralisierung von von Leistungen und der Wunsch nach günstiger Abarbeitung von wenig beratungsintensiven Standardleistungen verständlich, hat aber aus meiner Sicht mit zur Veränderung der Filialnutzung beigetragen.

Konkurrenz

  • Es gibt immer mehr Kreditinstitute am Markt – inländische wie ausländische – stationäre und Online-Banken und alle müssen von irgendetwas leben. Und mit kostenlosen Angeboten kann man keine Gehälter bezahlen und keine Mitarbeiter qualifizieren.
  • Einige ausländische Banken ködern die Kunden mit höheren Zinsen, denn sie brauchen die Einlagen um die Anforderungen der Basel-III-Richtlinie an die Eigenkapitalausstattung erfüllen zu können.FinTech-Unternehmen, entwickeln tolle und kostenlose Angebote, die den Kreditinstituten wieder Kunden und Erträge abziehen.
  • Auch Anbieter wie PayPal graben Kreditinstituten die Erträge ab. Hier wurde erst nach Jahren reagiert indem letztes Jahr ein deutscher Bezahldienst mit dem schön denglischen Namen Paydirekt auf den Weg gebracht wurde – viel zu spät meiner Meinung nach. Denn warum sollte jemand, der schon ein PayPal-Konto hat, jetzt auch noch ein Paydirekt-Konto anlegen – insbesondere wo noch nicht alle Shops Paydirekt anbieten.

Das Wertpapiergeschäft

  • Der Wertpapiermarkt ist seit der Lehman-Krise ziemlich eingebrochen.Und eine Wertpapierberatung macht heutzutage auch nicht mehr wirklich Spaß, weil man erstmal mit dem Berater langwierig das allseits beliebte Wertpapierberatungsprotokoll ausfüllen muss.
  • Auch hier erfassen viele Kunden ihre Geschäfte selber am heimischen Rechner – ohne Beratung, Denn durch die Vielzahl an Informationen und Apps gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich qualitativ hochwertig über Angebote zu informieren. Dadurch wird auch mehr Geld von der Hausbank abgezogen, weil Angebote – besonders die zinssensitiven Menschen – locken, ihr Geld dort anzulegen, wo es am meisten Zinsen gibt und dafür ggf. unbewusst (je nach Anlageform) ein höheres Risiko eingehen.

Das Zinsniveau

Das niedrige Zinsniveau ist seit Jahren ein Problem. Bislang gab es eine größere Differenz zwischen den Kreditzinsen und den Guthabenzinsen, an denen die Kreditinstitute verdient haben. Dies ist nun ziemlich geschmolzen.

Noch dazu müssen die Kreditinstitute seit der 0-Zinsrunde für die Gelder, die bei der Bundesbank lagern, Negativzinsen zahlen. Die EZB wünscht eine Ankurbelung der Wirtschaft und dass die Banken Kredite ausgeben und die Kunden ihr Geld ausgeben. Aber so richtig klappt das irgendwie nicht.

Und noch scheuen sich die meisten Banken, die Negativzinsen für Geldanlagen an die Kunden weiterzugeben. Vermutlich würden dann einige Kunden auch die Konten plündern…

Immer mehr gesetzliche Vorgaben

Fleissig sprießen neue gesetzliche Vorgaben, die von den Banken interpretiert und technisch oder organisatorisch umgesetzt werden müssen. Dafür geht auch viel Geld drauf für externe Berater, Mitarbeitergehälter oder neue Technik.

Skimming, Phishing & Co

Immer mehr Ganoven sind auf unser Geld aus. Diese werden immer kreativer um an das Geld ran zu kommen. Neue Phishing-Maschen mit denen Kunden per eMail verleitet werden, einen Anhang zu öffnen oder auf einer Webseite ihre Kontodaten preis zu geben. Und auch hier investieren die Kreditinstitute einiges an Aufwand um ihre Kunden zu informieren oder zu schützen.

Neue Maschen um an Geldautomaten die Kartendaten und die PIN auszuspähen sorgen für immer neue Generationen von Geräten und so eine Aufrüstung auf neuste Technik geht ebenfalls ins Geld.

Und was nun?

Wann kommt das Aus für das kostenlose Girokonto?

Viele Kreditinstitute müssen den Gürtel enger schnallen und beschäftigen sich schon seit Jahren und immer wieder mit Kosteneinsparungen bzw. Preiserhöhungen und kommen dennoch bei den rasanten Veränderungen nicht mit.

Viele haben die Digitalisierung verschlafen oder falsch eingeschätzt und noch nicht mal einen Facebook- oder Xing-Auftritt. Und in den Filialen eine vernüftige Beratung zum Online-Banking oder Mobile Banking zu erhalten ist schon ein Glücksfall.

Auch Fusionen – insbesondere im Bereich der Sparkassen und Volksbanken – nehmen zu. Denn jede noch so kleine Volksbank muss genug Personal vorhalten um alles am Laufen zu halten, alle gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, alle Softwareveränderungen des Kernbankensystems oder individueller Software umzusetzen.

Viele werden nicht ohne die Schließung von Filialen auskommen. Selbst die Bundesbank empfiehlt die Schließung von fast 40% aller Bankfilialen bis 2030.

Die aktuelle Situation macht kreative Lösungen notwendig, wie

  • den roten Sparkassenbus – oder auch Zastalasta genannt – der über Land fährt und die Filiale zu den Leuten bringt
  • Filialen, die – um den Standort zu erhalten – wechselweise zu verschiedenen Zeiten geöffnet haben – mit demselben Personalbestand
  • das Angebot von Beratungszeiten bis 20 Uhr, damit Berufstätige wieder eine Chance auf Beratung haben
  • den Bargeld-nach-hause-bring-Service
  • Intensivierung des Kundenkontaktmanagements
  • Auf- bzw. Ausbau der Social Media- und Online-Kanäle zur Kundenbindung
  • Etablierung von Projekten, in denen Kunden mit ihren Ideen und Meinungen dabei sind
  • mit Paydirekt endlich mal in die Puschen kommen, damit Paypal den Banken nicht weiter das Wasser abgräbt
  • dringend die Apps ausbauen. Denn die Apps der vielen FinTech-Unternehmen sind oft viel cooler und einfacher.

Nur wer hier mitspielt, kann noch gut überleben bei den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen und der fortschreitenden Digitalisierung.

Es meiner Meinung nach ist nur eine Frage der Zeit bis der Damm bricht und die ersten großen „Player“ sich trauen, die Kontoführungsgebühren anzuheben oder Minuszinsen auf Guthaben einzuführen. Vom deutschen Sparkassen und Giroverband (DSGV) wurde dies ja schon angekündigt. Und in den Zeiten, wo man so vieles im Internet umsonst kriegt (Apps, Software, Online-Spiele), wird das bei dem einen oder anderen noch für Ärger sorgen.

Ist ein Bankenwechsel wirklich die Lösung?

  • Manche Zeitungsartikel raten sogar entrüstet zum „Bankenwechsel“ als wäre ein kostenloses Konto ein Menschenrecht und als müsste man sich dagegen wehren.
    Aber bitte, was macht so ein Wechsel für einen Sinn? Noch mehr Kosten verursachen? Alle Daueraufträge und SEPA-Lastschriftmandate umstellen, damit die Bank dann kurz darauf auch Gebühren einführt?
  • Wer mit seiner Bank oder Sparkasse in Sachen Beratung, Leistung und Service zufrieden ist, sollte sich einen Wechsel genau überlegen und die Leistungen vergleichen und vor allem die Möglichkeiten der kostenlosen Bargeldversorgung.
  • Auch beim Online-Banking über den Browser gibt es zahlreiche Unterschiede. Bei manchen Banken können Sie mit der App Konten bei verschiedenen Banken einsehen oder eine Vermögensverwaltung machen. Andere bieten in ihrer App nur die Verwaltung ihrer eigenen Konten an.

Fazit

  • Ich finde, in Zeiten der globalen Krise ist es Zeit für ein bißchen Solidarität den Firmen gegenüber. Man muss nicht immer heldenhaft dem billigsten Angebot hinterher rennen oder sich beschweren, wenn verwaiste Filialen – dessen Foyer man selbst nur wegen des Geldautomaten betritt – geschlossen werden.
  • Diese Veränderungen scheinen der Preis zu sein für die zunehmende Digitalisierung, an der wir fast alle teilhaben und die wir unterstützen, wenn wir beispielsweise online bestellen statt vor Ort die Angebot wahrzunehmen.
  • Und gerade die Sparkassen, Volks- und Raiffeisen oder die Spardabanken sind – auch durch ihre vielen kleinen Einheiten – stark gebeutelt und nicht die bösen und geldgierigen Player in diesem Geschäft, die mit Steuerbetrug, illegalen Geschäften und hohen Bonis Schlagzeilen machen.

Uiii, das war mal ein langer Artikel mit geballten Informationen und Meinungen von mir. Aber den hatte ich schon so lange geplant und nun ist er mal raus.

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