Aus Online-Spielen fürs Leben lernen

Online-Spiele

Das Thema bewegt mich schon ne Weile und ich hab lange überlegt, ob ich dazu etwas schreiben soll. Denn was denken Menschen über mich, wenn ich schreibe, dass ich phasenweise Online-Spiele spiele?

Zu Zeiten meines Farmspiels (war das niiiiieedlich wie die Kuh sich freute, wenn ich sie gemolken habe – ähem, hüstel. Ich und meine Tierliebe…) fragte mich eine Freundin gerne kopfschüttelnd „Na, musst Du wieder Deine Tiere füttern?“. Aber ich bin durch die neuen Online-Spiele mit Kontaktmöglichkeiten und Gruppen in eine ganz neue Welt eingetaucht von der ich hier berichten möche.

Da ich viel von Authentizität halte und wenig davon, Leuten etwas vorzumachen oder mich zu verstecken, schreibe ich nun etwas darüber. Denn die Quintessenz ist ggf. auch für Nicht-Spieler interessant, nämlich dass man so ziemlich aus allem für das Leben lernen kann und somit viel Spaß im Leben haben kann – wenn man will. Und dass es auf uns selber ankommt, was wir aus den Dingen herausziehen, die wir tuen und die uns begegnen.

Es gibt verschiedene Arten von Spielen, bei denen ich unterschiedliche Dinge über mich und andere gelernt habe.

Charakterstudien bei Dorfaufbauspielen

Mit Dorfaufbauspiele meine ich Spiele, bei denen man Schritt für Schritt ein Dorf aufbaut und selbständig Gebäude und Straßen und Deko plazieren kann wie z.B. Elvenar oder Castleville Legends oder meinem „Tierfütterspiel“ Farmville.

Hier fängt man auf plattem Land an und kriegt anfangs Aufgaben, etwas zu bauen. Eine Holzwerkstatt, ein Wohnhaus, einen Kuhstall etc. Der Platz ist  begrenzt und man muss Aufgaben lösen, um mehr Platz und neue Gebäudearten zu kriegen.

Interessant finde ich dabei, wie die Menschen ihr Dörfer bauen und was das (vermutlich) über ihren Charakter aussagt.

Der Pragmatiker

Manche bauen einfach halt da hin, wo gerade jeweils Platz ist und es zweckmäßig ist, ohne im Nachhinein alles nochmal umzubauen, damit es schön ist. So sah das dann auch bei mir aus. Hier ein Wohnhaus, da einen Stall, dann eine Straße.

Kam mehr Platz dazu, hab ich genauso weiter gebaut und alles dort hin gepackt, wo Platz war.  Gebäude oder Straßen habe ich nur dann woanders hin verschoben, wenn ich dadurch mehr Platz für ein Gebäude schaffen konnte.

Deko wie Blumen oder Bänke oder hübsche Figuren gab es bei mir nur, wenn die Aufgabe dies erforderte. Die kostet ja schließlich und nützt nix und verbraucht nur Platz. Und die Deko stand dann meist irgendwo wild rum, wo Platz war, manchmal auch mehrere auf einem Haufen.

So bin ich es z.B. gewohnt, in der Umgebung, in der ich bin, zu arbeiten, egal, ob ich viele Aufgaben durcheinander habe, die ich jonglieren muss, oder ob um mich herum alles schön strukturiert und ordentlich ist. Durch meine selektive Wahrnehmung kann ich es auch mal ignorieren, wenn auf dem Schreibtisch oder beim Kochen noch irgendwelche Dinge im Weg liegen und fokussiere mich dann auf das, was ich gerade tue.

So ist mir das im Spiel auch viel zu aufwändig, wenn mehr Platz da ist, alles neu zu arrangieren, nur damit es hübsch aussieht. Und mal ehrlich, es ist ja nur ein Spiel, zeigt aber dennoch etwas über das echte Leben und das Verhalten im echten Leben.

Der Schöngeist

Ganz anders, jemandem, dem es wichtig ist, dass alles schön und strukturiert ist. So musst ich beim Besuch anderer Dörfer dann manchmal schmunzeln, denn hier ging die Sonne auf. Alles war schön geordnet und liebevoll dekoriert – Wohnhäuser neben Wohnhäusern, alle Tiere auf einem Fleck, die Straßen schön quadratisch und ganz viel hübsche Deko und Bäumchen. Wow.

Ich habe mich nur gefragt, wieviel Zeit die Menschen investiert haben, um dies so herzustellen und warum. Denn schließlich kriegt man nicht alles Land auf einmal, so dass man schon geordnet bauen könnte – dann würde ich das vielleicht auch tun – sondern man muss dann ja immer wenn es mehr Land gibt, alles umbauen und verschieben. Und das kostet mir viel zu viel Zeit und erfüllt nicht den Zweck des Spiels.

Ich vermute, hier hinter steckt ein Mensch, der es auch in echt nicht nur gerne schön, strukturiert und geordnet hat, sondern der auch mit Un-Ordnung oder mehreren Dingen parallel nicht so gut  zurecht kommt bzw. dem Ordnung und Strukturen wichtig sind, damit er klar kommt. Also – wieder was gelernt.Vergleich zweier Dörfer bei Elvenar

Spiele mit Gruppenaktivitäten

Dann gibt es Spiele, bei denen man nach einer gewissen Zeit einer Gruppe beitreten kann, einem Stamm oder einer Gilde wie z.B. bei ForgeofEmpires oder die Stämme. Diese Gruppen brauchen in der Regel einen Administrator, jemand, der Foren einrichtet und betreut, neue Leute einlädt oder bei die Stämme auch mit anderen Stämmen verhandelt.

Interessant war, dass ich in beiden Spielen sofort in die aktive Rolle gegangen bin und für meine Leute da sein wollte. Ich habe Tipps und Tricks zum Spiel veröffentlicht, neue Leute begrüßt, Feelgoodmanagement gemacht, wenn Leute unfreundlich waren. Ich habe mir Gedanken über Beweggründe von Inaktiven Mitgliedern gemacht, die zwar in der Gruppe sind, sich aber nie beteiligen und habe versucht, diese zu motivieren, aktiv dabei zu sein.

Das war für mich spannend zu erleben und scheinbar gehört das ganz automatisch zu meiner Persönlichkeit. Lieber engagiert mittendrin als nur Mitlaufen, Leute motivieren und mich um sie kümmern, Informationen verbreiten.

Als es bei „die Stämme“ dann zu kriegerisch wurde und Intrigen gegen ehemals verbündete Stämme geschmiedet wurden, hat es mir fast das Herz gebrochen und ich habe den Stamm verlassen.

Die Stämme ist ein Spiel, in dem man andere Dörfer überfällt, um Material für den Ausbau zu kriegen. Das ganze sieht aber nicht kriegerisch aus wie in Ballerspielen (die ich nicht spiele) sondern man schickt einfach nur Leute auf einen runden Kreis (ein Dorf). Später dann kann man auch selber Dörfer erobern. Da ich so gar kein Krieger bin, hab ich immer brav nur unbelebte Dörfer „überfallen“ oder „erobert“, da ich das doof fand, jemandem seine wochenlange Arbeit kaputt zu machen.

Dann gab es einen, der bei ForgeofEmpire sein gesamtes Dorf auf Krieger getrimmt hatte. In seinem Profil stand „Wer mir nicht täglich was abdrückt, kriegt Besuch von mir.“ Da bekam ich natürlich das Gruseln, da ich so was gar nicht mag. Drohen, Dominanz, Krieger, gewinnen wollen um jeden Preis. Plötzlich war er dann in unserer Gruppe und ich dachte „OK, ich sprech mal mit dem, um herauszufinden, was für ein Mensch dahinter steckt und was den so bewegt.“ Er hat mir dann ständig erzählt, wieviel er bei seinen Raubzügen erbeutet hat, dass er schon 7 Jahre (7 Jahre, ach Du meine Güte) spielt und dass die anderen Gruppen ordentlich Respekt vor ihm hätten und er sich hier einen Namen gemacht hätte und das für ihn ganz viel zählt.

Aha, ok, da liegt also sein Wertesystem. Auch interessant, aber nicht so meins.

So hab ich also auch da viel über mich und andere, über verschiedene Wertesysteme und Vorgehensweisen gelernt.

Warum spielen?

Früher habe ich eher nur ab und zu mal gespielt, so aus Langeweile oder zur Unterhaltung. Jetzt wo ich mehr Zeit hatte, wurde es irgendwie mehr und die Zeit vergeht dabei auch wie im Flug.

Ich finde es interessant, wenn man regelmäßig kleine Aufgaben kriegt, die es zu lösen gilt. Das hält mich im Spiel, weil ich irgendwie wissen will, wie es weiter geht, was noch an interessanten Gebäuden oder Möglichkeiten kommt. Wenn dann alles erreicht ist und ich Güter und Geld im Überfluss habe, dann wird es uninteressant – außer es gibt Kontaktmöglichkeiten mit netten Menschen mit denen ich mich austauschen kann. Dann bin ich nur noch rein um mit denen zu sprechen und hab eher nebenbei gespielt. Clever von den Spieleherstellern, solche Chat- oder Mailmöglichkeiten anzubieten.

Bei die Stämme z.B. gibt es verschiedene Welten und einige kennen sich schon diverse Jahre und fangen dann als Stamm gemeinsam in einer neuen Welt an und unterstützen sich und planen gemeinsam. Das war eine neue Welt, die sich mir da eröffnet hat und das finde ich ja fast schon wieder „sinnvoll“, weil es mit Menschen und mit Austausch untereinander zu tun hat, mit Vertrauen und gemeinsam etwas machen.

Eine Gefahr beim Spielen

Ich habe einige kennengelernt, die seit Jahren spielen und frage mich, wie man nur jahrelang so viel Zeit in ein Spiel investieren kann. Manche sind fast ständig online, andere nach der Arbeit und dann bis spät in die Nacht. Nun weiss ich also, was manche Kollegen nachts so tun und wieso so morgen so unausgeschlafen ins Büro kommen und ständig auf ihr Handy schielen. Vermutlich wird das Spiel mit anderen – so schön der gemeinsame Austausch auch ist – schnell zum Ersatzleben.

Ich habe vor einigen Jahren mal länger ein Wimmelbildspiel gespielt. Da muss man in einem Raum bestimmte Gegenstände finden, die gut versteckt sind und z.B. an der Decke hängen. Als ich dann auf einer Party ständig geschaut habe, ob da nicht irgendwo Gegenstände an der Decke hängen, dachte ich „OK, jetzt muss ich aufhören, wenn sich das Spiel schon in meine Wirklichkeit drängt.“.

Manchmal erinnere ich mich morgens noch, dass ich nachts irgendwie von dem Spiel geträumt habe und Teil des Spiels war. Auch dann ist der Zeitpunkt gekommen, es sein zu lassen und statt dessen ein Hörbuch zu genießen, zu lesen, Spazieren zu gehen, Sport oder Musik zu machen und das Leben zu genießen. Und ich bin froh, dass ich diese Entscheidung jederzeit problemlos treffen kann.

Oder ich habe mich ertappt, dass ich bestimmte Aktivitäten so getimed habe, dass ich dann zu einer bestimmten Uhrzeit schnell noch ins Spiel gucken konnte, wie eine bestimmte Aktion ausgegangen ist oder schnell einen weiteren Bau anstoßen konnte. Auch das macht mich nachdenklich, denn aus der eigentlichen seichten Unterhaltung ist das doch eine Beeinflussung meines Lebens geworden.

Zum Glück kann ich ohne Probleme von heute auf morgen aufhören und habe das auch schon ein paarmal getan. Nur wenn dann in den Wintermonaten ausnahmsweise mal Lange Weile auftaucht (was sehr selten ist), dann kann es passieren, dass ich mal wieder ein neues Spiel anfange. Aber vielleicht dann doch lieber Puzzlen, das hält mich nicht so lange on und hat nicht solche Auswirkungen.

Ich vermute, dass einige Menschen nicht einfach so aufhören können, gleich, ob sie alleine spielen oder sich eine Community und somit einen Freundeskreis aufgebaut haben oder es brauchen, immer wieder Aufgaben zu bekommen, die sie dann abarbeiten und dann glücklich sind, etwas erledigt zu haben. Und es soll ja auch einige Spielsüchtige geben und auch extra Kliniken und Therapien dafür.  Ich hoffe, dass es oft gelingt, die Spielsüchtigen und ihre Motivation zu verstehen und ihnen in der realen Welt ein Pendant dazu zu geben. Nette Freunde, interessante Aufgaben, die mehr oder weniger schnell zu erledigen sind und ein Erfolgserlebnis schaffen.

Mein Fazit

Spielen kann Spaß machen und mich mit Menschen (in echt oder virtuell) zusammen bringen. Spielen klaut aber auch viel Lebenszeit, die man sinnvoller verbringen kann.

Wenn ich aus einem Spiel etwas übers Leben lerne – über mich oder andere – dann macht es mir persönlich Spaß, diese Erkenntnisse dann bewusst werden zu lassen und im Leben etwas daraus zu machen. So habe ich jetzt gerade angefangen, eine empathische Frauengesprächsgruppe zu gründen – wo ich mich doch scheinbar gerne um eine Gruppe netter Menschen kümmere und den achtsamen und empathischen Austausch liebe und auch selber üben will.

Besonders gefährlich fand ich zu erkennen, wie schnell sich so ein Spiel in das reale Leben schleicht und die Realität sich mit der Spielewelt verwischt.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das bei den Ballerspielen mit echt aussehenden Menschen und Waffen ist oder bei den neuen Spielen in virtuellen Welten mit dieser neuen Brille (virtual reality). Diese Spiele sind im Kommen aber ich bin mir nicht sicher, ob unser Gehirn jeweils zwischen Realität und Spiel unterscheiden kann und wie sich das Spielen auf das echte Leben auswirkt, insbesondere wenn man damit scheinbar real aussehende Abenteuer erleben kann, die dem Körper das Gefühl vermitteln, wirklich zu fliegen oder Achterbahn zu fahren. Wenn man sich die schon existierenden Videos ansieht, wie Menschen mit dieser Brille reagieren, dann wirkt das schon etwas schräg.

Aber wie so oft, kommt es darauf an, was wir Menschen darauf machen. Nutzen wir die Technik und die Möglichkeiten für etwas Gutes und Sinnvolles oder nicht.

Ich denke, diese virtuellen Brillen werd ich sicherlich nicht ausprobieren. Aber wer weiss.

 

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